Paris von oben und unten
Blog vom 27. Juli 2007.
Wenn Legionen von japanischen Berufstouristen mit militärischer Präzision durch Europa reisen und sich für die jahrtausendealte Geschichte des Abendlandes begeistern lassen, bleiben für die Erkundung der wichtigsten Hauptstädte, wie zum Beispiel Paris, immerhin je drei Stunden Besichtigungszeit.
Das reicht vollkommen aus, um 500 vollautomatisch belichtete Fotografien von bedeutenden Sehenswürdigkeiten auf briefmarkengrossen Speicherchips zu verewigen.
Paris in drei Stunden. Das ist machbar.
So viel Zeit hatte ich heute auch. Das heisst … hätte ich gehabt, wenn ich nicht wertvolle Stunden mit der Warterei auf zwei deutsche Freunde in einer Hotellobby zugebracht hätte. Aber davon später mehr.
Die Ferien haben begonnen! Hurra! Oder «Hourra!» wie die Franzosen sagen. Zwei Wochen leben wie Gott in Frankreich. Und wenn das nicht möglich sein sollte, dann halt zwei Wochen leben wie Yves Rocher in der Bretagne.
Die Fahrt nach Paris war trotz des mit Hochgeschwindigkeit durch die Ardennen donnernden TGVs nur wenig spektakulär. Die zwei jungen Herren mit blondierten Begleitdamen im Abteil gegenüber machten in erster Linie durch altersgruppengerechten Bierkonsum auf sich aufmerksam, hatten allerdings auch äusserst athletische Sportlerwaden, die sehr schön anzusehen waren, wenn die eher eintönige Landschaft den Blick in die Ferne ermüdete.
Die von Ferienvorfreude durchtränkten Intellektuellengespräche mit meinen beiden Langzeitfreunden Antonio und Bodo verkürzten die Reisezeit auf angenehme Weise. Wir waren durchaus gespannt, was uns in diesem wagemutigen Urlaubsexperiment so alles widerfahren würde.
Leider erwartete uns niemand am Gare de l’Est in Paris. Unsere Ankunft blieb unbemerkt. Nicht einmal eine Delegation von nach Frankreich ausgewanderten Schweizer Käseproduzenten bereitete uns eine feierliche Begrüssungszeremonie. Ich war enttäuscht.
Stattdessen mussten wir mit einem für unsere Bedürfnisse völlig unangemessenen Transportmittel, der Métro, durch den Untergrund von Paris in kanalisationsähnlichen Tunneln fahren. Und ich bin mir selbst heute noch nicht ganz sicher, ob es nicht wirklich Abwasserkanäle waren durch die wir da brausten, trafen wir doch in der ohnehin schon überfüllten U-Bahn auf einen stark ausdünstenden Pariser Kanalisationsbewohner und mussten den Wagen wechseln, um nicht in Atemnot zu geraten oder gar wegen drohendem Erstickungstod in ein nahegelegenes Krankenhaus eingeliefert zu werden. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass illustre Persönlichkeiten auf den Strassen von Paris ein unrühmliches Ende finden.
Kaum hatten wir unsere Koffer im bourgeoisen Hotel République deponiert, wurde ich auch schon durch die Strassen von Paris geschleust. Meine stadtkundige Reisebegleitung Bodette Bussien führte mich äussert kompetent in die Geheimnisse der gallischen Metropole ein und erklärte ganz unprätentiös: «Eigentlich sieht es hier überall gleich aus.»
Die ergreifenden fünf Minuten vor der Kathedrale Notre-Dame sind mir in ganz besonders wertvoller Erinnerung geblieben, da ich aufgrund eines erfreulicherweise sehr überschaubaren Touristengewimmels fast uneingeschränkt freie Sicht auf das imposante Bauwerk hatte. Wenig später schon standen wir auf dem Centre Pompidou und blickten ganz schwärmerisch über die Dächer von Paris. Am Horizont sah man das Ende der Welt. Wir entdeckten viel Pomp und wenig Pidou. Irgendwo links hinten war das Appartement von Cathérine Deneuve. Das phallischste aller französischen Bauwerke, der Eiffelturm, ragte stramm und stolz in den Pariser Abendhimmel, den Vaginas dieser Welt trotzend, ein mahnendes Denkmal für die natürliche Manneskraft aus der Prä-Viagra-Epoche.
Auch andere Pariser Sehenswürdigkeiten konnte ich leider nur aus touristensicherer Distanz bewundern. So blieb mir der Genuss der architektonischen Feinheiten der Basilique du Sacré-Cœur verwehrt. Und die Mona Lisa wird auch weiterhin ohne meine Fingerabdrücke im Louvre hängen müssen.
Es hätte noch viel zu bestaunen gegeben, aber das aufkommende Hungergefühl in unseren vernachlässigten Kate-Moss-Mägen liess uns keine andere Wahl: Wir mussten den Rest des Abends der Nahrungsbeschaffung widmen.
Achtung!
Die Geschichte erlebt jetzt eine dramatische Wendung. Nun kommen unsere aus Deutschland anfliegenden Freunde ins Spiel. Wir nennen sie mal Phorsten und Thillip.
Wir wollten unsere erste Mahlzeit auf französischem Boden gemeinsam mit den zwei Perlen der Wiesbadener Schwulen-Schnittchen-Szene einnehmen.
Deutsche sind ja gemeinhin berühmt für ihre straffe Organisation aller Lebensbereiche. Eine Gabe, die in Germanien schon mit der Muttermilch verabreicht wird.
Nicht so bei Phorsten und Thillip.
Anders kann man es sich nicht erklären, dass sich die Ankunft der beiden auf rund drei Stunden ausdehnte.
Die abenteuerliche Reise der zwei Spätankömmlinge vom Flughafen in die Stadt und dann weiter zum Hotel dauerte in etwa so lange wie Napoleons Feldzug gegen Russland und war ebenfalls zum Scheitern verurteilt.
Mithilfe moderner Kommunikationsmittel wäre es durchaus möglich gewesen, die beiden durch das Verkehrsgewirr von Paris zu lotsen, aber Handys funktionieren in der Regel nur dann störungsfrei, wenn die Akkus aufgeladen sind.
Derweil warteten wir in der liebevoll (über Geschmack lässt sich streiten, über Liebe nicht) eingerichteten Hotellobby und beobachteten Goldfische. Das liess meinen Appetit auf ein Rekordtief absinken.
Unmittelbar bevor sich bei mir die ersten Symptome von Anorexia nervosa zeigten, trafen unsere zwei schnuckeligen Vielkofferträger Phorsten und Thilipp dann doch noch ein, ausser Atem, Augen rollend, leicht verschwitzt und völlig overdressed.
Die wohlverdiente Mahlzeit gab es dann kurze Zeit später bei «Chez Julien», ein Restaurant mit décor romantique und enger Bestuhlung für wenig Beinfreiheit. Einigermassen gut gestärkt schlenderten wir anschliessend mehr oder weniger zielgerichtet durch die von Sommeratmosphäre erfüllten Strassen von Paris auf der Suche nach einer Bar mit duschenden Männern, ein international bekannter Szeneclub mit frisch gewaschenem Anschauungsmaterial.
«Où est le bar où les hommes douchent?»
Das hört sich einfach an, ist es aber nicht! Der durchschnittliche Homosexuel Parisien ist ja doch eher un peu blasé, um nicht zu sagen verwirrt, was die klare Definition von Himmelsrichtungen betrifft. Man schickte uns von hier nach dort und von dort nach hier.
Wir besuchten ein paar einschlägige Männerlokale, aber dort duschte jeweils niemand, obwohl der eine oder andere Homosexuel Parisien es durchaus nötig gehabt hätte.
Einmal mehr musste ich feststellen: Schwule Partys und deren Hauptakteure sind auf der ganzen Welt mehr oder weniger gleich und somit austauschbar. Ein paar mit grösster Hingabe aufgestylte Männerimitationen in viel zu engen Stofffetzen von Topdesignern zwängen sich in schlecht durchlüfteten Kellergewölben dicht aneinander und bewegen sich zu Baustellenlärmmusik auf zwölf Quadratzentimetern Bodenfläche in der Hoffnung, durch kultivierte Wimpernmimik genügend Interesse für eine heisse Sexnacht zu erwecken.
Zum Einschlafen.
Aber genau das bereitete mir am Ende dieses anstrengenden Tages Mühe. Ich lag völlig abgekämpft im Hotelbett und versuchte, auf französisch einzuschlafen.
Ich war nun also in Paris angekommen und musste in ein paar Stunden auch gleich schon wieder abreisen!
Les vrais voyageurs sont ceux-là qui partent pour partir.
Charles Baudelaire
