Size Does Matter(horn)
Blog vom 14. Dezember 2007.
Was ist wahre Grösse?
Hier gehen die Meinungen der jeweiligen Verfechter der einzig glücklich machenden Wahrheiten doch sehr auseinander.
Der Schlachtruf der Frischfleisch produzierenden Pornobranche lautet seit Anbeginn der Promiskuitätszeitrechnung siegessicher «Size does matter», was frei übersetzt etwa soviel heisst wie «Grösse ist wichtig».
Und wahrlich, im hartumkämpften Filmgeschäft der Orgasmus-Lieferanten werden die immensen Arbeitsorgane der begnadeten Erektionsdarsteller möglichst bildfüllend in den komplexen Handlungsablauf eingebaut. Die Grösse entscheidet hier Zentimeter für Zentimeter über Aufstieg oder Niedergang einer ohnehin sehr kurzlebigen Erotikkarriere. Oder etwas vulgär ausgedrückt: Der nächste Dödel steht bestimmt schon vor der Türe.
Auch in Hollywood klotzt man oft mit Grösse, und nicht selten mit Grössenwahn. Der deutschstämmige Regisseur Roland Emmerich schickte im Sommer 1998 seine missglückte I-can’t-believe-it’s-not-Shakespeare Verfilmung über die Lehr- und Wanderjahre des japanischen Gummimonsters Godzilla ebenfalls mit dem Slogan «Size does matter» auf die Reise durch die Filmtheater dieser Welt. Genützt hat’s wenig. Godzilla hat nicht nur New York klein zertrampelt, sondern auch gleich noch den Verstand der Kinobesucher.
Die Verfechter der Weltreligionen wiederum wissen, dass die einzig wahre Grösse nur dem Schöpfer zusteht. Und natürlich ein paar selbstauserwählten, geistlichen Würdenträgern, die dem immer wieder frech aufbegehrenden und unbequeme Fragen stellenden Fussvolk die Schranken des irdischen Daseins mittels 10 allgemein verständlichen Geboten aufzeigen.
Wer hatte bloss die fragwürdige Idee, die Menschheit sei die Krone der Schöpfung? Wohl eher die Krone der Erschöpfung.
Obwohl clever verpackt, besteht der Mensch zu 80% aus Wasser. Der Rest ist kaum erwähnenswerte Biomasse, die oft aufgrund falscher Lagerung und Wartung nur noch mit Medikamentencocktails überlebensfähig ist.
Wir sind also ein 80%-Wassermensch. Unter ungünstigen Umweltbedingungen, die wir sogar noch selbst produzieren, verdunsten wir einfach in der Atmosphäre und kondensieren als Tränen dieses geschundenen Planeten.
Die wahren Grössenverhältnisse auf dieser Erde werden sehr schnell klar, wenn man sich wieder mal die Zeit nimmt, die Monumente der Natur zu bewundern.
Heute sah ich zum ersten Mal in meinem Leben das Matterhorn. Also das echte, fest in den Walliser Alpen verankerte Matterhorn, und nicht bloss als Motiv auf der Verpackung einer Schweizer Zartbitter-Schokolade für den Export in süsswarenarme Entwicklungsländer. Das war durchaus ein ergreifender Moment für mich. Das Matterhorn in seiner vollen Grösse, majestätisch und einzigartig. Wenn man mal von der Kopie im Disneyland absieht. Egal wie sehr wir unsere Welt noch zugrunde richten werden, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten gibt es auch weiterhin gegen eine saftige Eintrittsgebühr in keimfreien Vergnügungsparks zu bewundern. Vielleicht ist das der effektive Klimaschutz.
Der Matterhorn-Anblick erfüllte mich mit einer gewissen Ehrfurcht. Im Angesicht eines monumentalen Berges schrumpft man ganz natürlich auf ein gesundes Menschenmass zurück. Ich fühlte mich an die Worte meines ehemaligen Schauspiellehrers, Robert Wilson, erinnert. Um die Aufregung vor einem Auftritt zu mildern, gab er uns einst einen hilfreichen Rat.
Kurz vor der Aufführung soll man, wenn immer möglich, das Theater verlassen, tief durchatmen und den Blick nach oben richten. Unter dem gewaltigen Sternenhimmel wird einem dann sehr schnell bewusst, wie relativ doch alles ist. Was wir hier alle mit mächtigem Brimborium und Pipapo in unseren kurzen Menschenleben veranstalten, verpufft ohne nennenswerte Bedeutung in den Weiten des Weltalls.
Was bleibt dann zurück? Die Seele? Und welche Grösse hat die Seele?
Size does matter. Grösse ist wichtig. Aber wohl nicht unser aufgeblähter Grössenwahn.
Jeder darf seine eigene Grösse finden. Ich persönlich empfinde es immer als äusserst erfrischend, an meine erinnert zu werden.
Danke, liebes Matterhorn!

