Brief an eine Nachbarin
Sehr geehrte Frau Svetlana Raczinkatovica,
Vor genau sieben Monaten und vier Tagen sind Sie und Ihre Familie (ein Mann und zwei noch unmündige Jugendliche) in unser Mietshaus an der Friedensstrasse 32 eingezogen.
Mein Mann Leopold und ich sind offene Leute und empfinden das geordnete Zusammenleben mit gut gesitteten Menschen immer wieder als grosse Bereicherung unseres Alltags. So sind wir denn auch sehr darauf bedacht, bei der Auswahl von neuen Mietern der Hausverwaltung unaufdringlich und uneigennützig mit unserem gesunden Menschenverstand beratend zur Seite zu stehen, gerade auch um die jahrelange und sorgsam aufgebaute Harmonie im Hause nicht zu gefährden.
Bedauerlicherweise hat die Hausverwaltung damals nicht auf unseren Rat gehört und Ihnen und Ihrer Familie die Wohnung im 3. Stock zur Verfügung gestellt.
Der Einzug Ihrer Familie hat, das müssen wir jetzt leider feststellen, viel Unruhe ins Haus gebracht. Mein Mann und ich haben uns mit der neuen Situation schnell abfinden müssen. Aber wir sind flexible Leute und können uns gut anpassen, wenn es ums Wohl der Gemeinschaft geht.
Es ist für meinen Mann und mich völlig unverständlich, dass Sie und Ihre Familie sich auch nach sieben Monaten und vier Tagen in unserem Haus noch nicht an die grundlegenden Sitten und Gebräuche unseres schönen Heimatlandes gewöhnen konnten.
Offenbar herrschen in Ihrem Kulturkreis eher steinzeitliche oder gar keine Gepflogenheiten, ich kenne mich mit den Umgangsformen in Ihrem Herkunftsland Krachnaszistan überhaupt nicht aus. Aber mein Mann und ich können es uns nicht erklären, warum Sie und Ihre Familie immer und immer wieder die Eintracht im Hause durcheinander bringen.
Auf meine Anfrage beim Einwohnermeldeamt vor zwei Wochen teilte man mir mit, dass Sie und Ihre Familie einen Sonderstatus in unserem Land geniessen (gemäss Paragraph 22, Absatz B1 des geänderten Asylrechts) und während mindestens zwei Jahren nicht ausgewiesen werden können. Anscheinend wurden Sie von unserem sonst hervorragend funktionierenden Beamtenapparat irrtümlicherweise als politisch Verfolgte eingestuft.
Auch der Mieterschutzverband konnte mir nichts Erfreuliches mitteilen. Der Mietvertrag mit Ihrer Familie ist für ein weiteres Jahr unkündbar!
Es sieht also ganz danach aus, dass wir unser Zusammenleben hier im Haus neu organisieren müssen. Aus diesem Anlass schreibe ich Ihnen diesen Brief. Mein Mann und ich möchten Ihnen helfend zur Seite stehen, damit Sie sich in unsere Hausgemeinde besser einleben können. Mit etwas gutem Willen Ihrerseits müsste es möglich sein, wieder Ruhe in unser Quartier zu bringen.
Hier eine Liste unserer Änderungsvorschläge:
Sie haben im letzten Sommer einen völlig überdimensionierten Sonnenschirm auf Ihrem Balkon installiert. Offensichtlich haben Sie das Bedürfnis, sich vor der einheimischen Sonneneinstrahlung zu schützen. Der grosse Schirm verwehrt uns allerdings die direkte Einsicht in Ihr Wohnzimmer! Mein Mann und ich haben so überhaupt keinen Einblick mehr in Ihre Stube und wissen nicht, was in Ihrer Wohnung vorgeht. Anhand der Geräusche können wir nur Vermutungen anstellen. Ich musste mir nun sogar Zugang zu einer Wohnung im Haus gegenüber verschaffen, durch deren Dachfenster ich immerhin eine etwas eingeschränkte Sicht auf Ihr Schlafzimmer habe. Zudem musste ich mir ein teures Fernglas zulegen, um auf diese Distanz überhaupt etwas erkennen zu können. Die Kosten für das Fernglas werde ich Ihnen freundlicherweise nicht in Rechnung stellen, aber ich bitte Sie, den Sonnenschirm sofort wieder zu entfernen.
Letzte Woche musste ich leider kurz in den Müllcontainer steigen, weil mir bei der Entsorgung meines eigenen Abfalls zufällig eine besonders liebgewonnene Brosche meiner Mutter hineingefallen war. Während ich im Container nach meiner Brosche suchte, löste sich die sehr lockere Verschnürung eines Ihrer Müllsäcke, und ich wurde völlig unvermittelt mit dessen Inhalt und Ihrem Unrat konfrontiert. Ich möchte Sie anweisen, die pornographischen Erzeugnisse Ihres Mannes künftig nicht mehr mit dem regulären Hausmüll zu entsorgen, sondern an einer uns nicht bekannten Stelle zu verbrennen. Die Brosche meiner Mutter habe ich übrigens wieder gefunden.
Ihr Sohn (sein Name ist mir entfallen, da er im Klang so gar nicht den hier gebräuchlichen Vornamen ähnelt), ist kürzlich spätnachts mit einer weiblichen Begleitung nach Hause gekommen. Es macht den Anschein, dass sich ausländische Minderheiten untereinander wohl fühlen, aber ich muss darauf bestehen, dass Ihr Sohn künftig keine Brasilianerin mehr in unser Haus bringt (oder war es eine Thailänderin? Das Licht im Treppenhaus ist wirklich sehr unvorteilhaft).
Gestern haben Sie in der Waschküche einen schwarzen Slip vergessen und einfach auf dem Wäschetisch für alle sichtbar liegen gelassen. Ich muss Ihnen mitteilen, dass wir derartig frivole Wäschestücke hier im Hause nicht dulden können! Wir tragen alle anständige Unterwäsche. Ich bin gerne bereit mit Ihnen an einem freien Nachmittag in einem gut sortierten Damenbekleidungsgeschäft korrekte, aber trotzdem modebewusste Leibwäsche auszusuchen.
Ich nehme an, dass Sie sich alle Mühe geben, den Teppich vor Ihrer Wohnungstüre sauber zu halten. Aber die drei toten Insekten, die ich kürzlich darauf entdecken musste, lassen grosse Zweifel aufkommen, dass Sie zu in unserem Lande gebräuchlicher Reinlichkeit fähig sind. Zudem habe ich weitere Verunreinigungen auf dem Teppich gefunden, die man von blossem Auge zwar kaum wahrnehmen, aber unter dem Mikroskop ganz deutlich erkennen kann. Ich zeige sie Ihnen gerne einmal persönlich.
Ferner bitte ich Sie, Ihre Tochter Branca anzuweisen, sämtliche Piercings, vor allem sichtbar im Gesicht, und meistens unsichtbar an Busen und im Intimbereich, umgehend zu entfernen, weil wir in Kürze im Hauseingang einen Metalldetektor installieren werden.
Zum Schluss noch ein kleines Detail, das mir letzte Woche aufgefallen ist, als ich kurz in Ihrer Wohnung war. Ihr Staubsauger ist ein ausländisches Modell und verfügt nicht über die deutsche Mindestrohrlänge von 80 cm.
Mein Mann und ich sind sicher, dass meine unaufdringlichen Anweisungen Ihnen helfen werden, sich nun endlich im Einklang mit der gesamten Mietergemeinschaft in unserem Haus einzuleben.
Wir freuen uns auf ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis.
Im Hinblick auf die kommenden Festivitäten bitten wir Sie zudem noch, die christlichen Feiertage korrekt einzuhalten und das Abspielen von fremdländischer «Musik» zu unterlassen.
Hochachtungsvoll,
Ihre Hauswartin Hannelore Zapf
