Keine Zeit
Ähnlichkeiten mit lebenden Verwandten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt!
Kürzlich im Hausflur von Frau Jutta H. in Pforzheim um 8.36 Uhr, morgens, bei leicht bewölktem Himmel und Gewittertendenz:
«Hier irgendwo liegt doch mein – wo habe ich bloss den Schal hingelegt? Er muss doch – wie? Oh hallo! Ja grüss Gott! Das ist aber nett, dass sie vorbeischauen! Kommen sie doch herein. Ja natürlich. Das freut mich jetzt aber sehr. Danke.
Wie? Nein tut mir leid, aber heute habe ich nun wirklich gar keine Zeit, um – jawohl. Wie? Eine Tasse Kaffee? Nein, leider, leider, ich bin etwas in Eile und sollte eigentlich – ich bin ja schon fast aus dem Haus – wissen sie, ich musste heute schon um 6.00 Uhr früh aufstehen, weil ich doch den Zug – ja, ist das nicht erstaunlich? Um 6.00 Uhr früh, ich fand auch, das ist doch ziemlich – aber wissen sie, ich fahre heute in die Berge. Genau.
Ja ja, ich glaube das Wetter wird gut. Kalt aber sonnig, wie es halt so ist im Spätsommer bei uns, gell. Darum suche ich auch meinen Schal, den hat mir Tante Erna geschenkt. Selber gestrickt. Natürlich! Tante Erna strickt alles selber, die Gute.
Tante Erna? Ja ihr geht es hervorragend, also den Umständen entsprechend natürlich, gell, das Leben ist halt nicht immer einfach, und mit diesen lauten Nachbarn! Was soll man da bloss machen? Aber in den letzten Wochen haben wir uns dann doch etwas Sorgen gemacht um sie – ja, Sorgen, so richtige Sorgen, ich konnte kaum noch schlafen und Ruhe finden, ich habe mich nächtelang hin und her gewälzt, gell, für meinen Rücken war das natürlich äusserst schlecht. Ich müsste mich ja mehr schonen, gell, aber ich bin ständig für alle da, wissen sie, ständig wollen alle irgendetwas von mir.
Also ganz unter uns, eigentlich fing es ja damit an, dass Tante Erna, also Tante Erna aus Bochum, nicht Tante Erna aus Bonn, die hat ja erst viel später in unsere Familie eingeheiratet, und ich möchte mal behaupten, niemand war wirklich froh darüber, gell, also Tante Erna aus Bochum, sie ist übrigens die jüngste Schwester meiner lieben Mutter – ja, lustig, gell, man würde nicht denken, dass sie jünger ist, meine Mutter ist ja so gut gealtert, ich kann nur hoffen, dass ich die gleichen Gene habe, gell – also Tante Erna hat – leider ist mein Onkel Karl, Gott hab ihn selig, ja vor zwei Jahren verstorben, das Herz, das Herz, aber was soll man sagen, in seinem Alter mussten wir ja froh sein, gell, ja ja, das war sehr, sehr tragisch, und wenn sie mich fragen, ist Tante Erna gar nicht über den Verlust von ihrem Karlchen hinweg gekommen, gell, aber zumindest hat sie sein geliebtes Hirschgeweih immer noch über der Anrichte hängen gelassen – wie? Das Hirschgeweih? Nein, nein, das war nicht aus dem Schwarzwald, das hat Onkel Karl damals mit Vetter Gustav aus Oberbayern – Vetter Gustav hatte ja kürzlich diesen schrecklichen Kreuzbandscheibenriss, gell, muss wohl sehr schmerzhaft gewesen sein, aber er ist ja ein strammer Bursche, der Vetter Gustav, früher ging er immer mit Onkel Karl auf die Jagd – er und Tante Erna, also Onkel Karl und Tante Erna, nicht Vetter Gustav und Tante Erna, gell, die beiden hatten doch dieses schnuckelige, kleine Ferienhäuschen am Fusse des – Moment, es fällt mir gleich ein – nein, nein, nicht der, es war der andere, der höhere, in der Nähe des Tegernsees – wie hiess dieser Berg gleich noch?
Oh, Berge, ja, ja, ich fahre heute in die Berge, ich muss meinen Schal finden. Sofort. Sonst bin ich wieder viel zu spät am Bahnhof, ich komme ja leider oft zu spät, weil ich immer so viel zu tun habe, ständig muss ich was tun, man braucht mich, gell, die Leute brauchen meinen Rat, wissen sie, und dann hatte ich doch kürzlich noch diesen verschobenen Meniskus im Kniegelenk, das waren ja vielleicht Schmerzen, sage ich ihnen, ein normaler Mensch hält das ja kaum aus, aber ich habe natürlich weiter meinen Haushalt gemacht, selbst als meine magersüchtige Kusine Klara mit der schweren Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil ihr Mann – er ist jetzt zum Glück für unbestimmte Zeit in einem Hochsicherheitsgefängnis, also mir war er ja von Anfang an nicht geheuer, gell, ich habe ja immer gesagt, dass der nicht ganz sauber ist, und natürlich hatte ich recht – und vor zwei Wochen ist ihr Dackel von einem Mähdrescher – ja! Wenn ich es ihnen doch sage! Schrecklich! Ja und dann eben zu alledem kam noch dieser Meniskus in meinem linken Knie, es hat mir das Leben zusätzlich schwer gemacht, als ob ich nicht schon genug Probleme hätte mit meinem Augenleiden, das ja leider vererblich ist, wie wir jetzt herausgefunden haben, gell.
Wie? Tante Erna? Nein, Tante Erna hatte nie drei Kinder. Nein, nein, ganz sicher. Aber wenn ich es ihnen doch sage. Tante Erna hatte zwei Kinder, Bruni und Bruno, beide sind inzwischen – nein, es waren keine Zwillinge, obwohl, die beiden sehen sich so ähnlich, vor allem früher, als sie noch klein waren, man konnte sie kaum unterscheiden, gell – wie? Zwei Jahre sind sie auseinander, Tante Erna hatte ja seinerzeit diese monatelange Nierenkolik und diese blauen Flecken auf der Haut, man hat nie wirklich herausgefunden, woher die kamen, gell, aber damals konnte sie nicht gleich wieder schwanger werden, weil diese starken Medikamente – ich war ja damals jeden Tag an ihrem Krankenbett, also wirklich jeden Tag, Stunden und Stunden – genau, sehen sie, da sind wir uns ja einig, gell.
Aber Bruni und Bruno, die beiden waren ja immer meine Liebsten, gell, was habe ich die Kinder immer verwöhnt an Weihnachten und zu Ostern – ja ja, ich weiss, leider, leider habe ich die beiden auch schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, Bruno ist kurz nach seinem Aerobic-Unfall nach Berlin gezogen und betreibt jetzt dort ein Geschäft für Herren-Lederbekleidung, scheint sehr exklusiv zu sein, ich war ja noch nie dort, er lässt keine Frauen in den Laden, und Bruni hat – sie ist immer so blass, finde ich – also Bruni hat irgendwas Ausländisches geheiratet aus Kairobi oder Narokko – ja natürlich war es ein Mann! Was denken sie denn? So etwas kommt in unserer Familie nicht vor! Wir sind anständige Leute!
Ach sie bringen mich ganz durcheinander. Ich suche jetzt den Schal von Tante Erna. Gestern habe ich ihn doch hierher gelegt.
Habe ich ihnen eigentlich schon erzählt, dass Tante Erna, also die andere Tante Erna aus Bonn, nicht die aus Bochum, gell, ja genau, also sie hat doch immer Probleme mit dieser jähzornigen Schwägerin, also mit der Frau des erstgeborenen Sohnes, jawohl, Frank, war ein Kaiserschnitt – wie? Nein, das ist nicht der mit dem amputierten Finger, Ludwig war das, Ludwig hat den kleinen Finger verloren, als er damals mit dem Fleischwolf – ja genau, ich habe ja auch immer und immer wieder gesagt man solle kein elektrisches Gerät kaufen, aber man wollte partout nicht auf mich hören, gell, das war ja vielleicht eine Geschichte, kann ich ihnen sagen, was haben wir damals gezittert, gell, und die Würste haben dann auch nicht mehr so geschmeckt – wie? Nein, ich meine den anderen Sohn, Frank, der mit dem Silberblick und dem Tinnitus – wie? Ja, eine Zahnspange hatte er auch mal, aber das ist lange her, gell, also dessen Frau Olga, die Jähzornige, ich sage ihnen, seit bekannt wurde, dass – wie? Genau. Olga, die Schwägerin. Ja, die hatte eine Warze auf der Nase. Grauenhaft. Ich hatte ja damals meinen Arzt gefragt, was man denn unternehmen könnte, um diese Warze zu entfernen – ja genau, Dr. Wittgenstein, ein ganz wunderbarer – ja, Dr. Gerhard Wittgenstein, ich bin ja schon seit Jahren bei ihm, ich gehe da wöchentlich ein und aus in seiner Praxis, ich füttere immer die Fische im Aquarium, während ich warten muss, gell, aber ich sage ihnen, seine Sprechstundenhilfe, Fräulein äh – irgendwas – die mag mich nicht, gell, wie die mich jeweils ansieht! Aber Dr. Wittgenstein ist die Güte in Person, er kennt mich in- und auswendig, gell, ich muss mich schon gar nicht mehr frei machen, lange bevor ich die Praxis betrete, weiss er schon, was mir fehlt, er ist ein ganz hervorragender Doktor, gell, er hat mir damals, als ich Wasser in den Beinen hatte – wie? Ja natürlich war das schmerzhaft! Ich konnte ja tagelang nicht mehr gehen. Aber habe ich gejammert? Nein!
Oh, es ist schon so spät? Jetzt muss ich mich aber wirklich beeilen. Seien sie mir nicht böse, aber sie halten mich auf! Sie stellen immer so viele Fragen. Ich bin ja sonst eher eine verschwiegene Person. Ich rede kaum über mich und meine Familie, wir sind bescheidene Leute, wissen sie, wir müssen uns nicht ständig so in die Öffentlichkeit drängen und leben ganz zurückgezogen, gell.
Ja ja, danke, das wünsche ich ihnen auch. Oh, hier ist ja mein Schal, hängt schon die ganze Zeit um meinen Hals. Warum haben sie denn nichts gesagt?
So, ich muss los, wir sehen uns. Danke für ihren Besuch. Wie? Ja ja, aber sicher. Also nächste Woche wieder um die gleiche Zeit?»
