Viva Viagra
Dies ist eine Arzneisatire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
Der Mensch verkündet seit Generationen den Irrglauben, das Leben bestehe aus einer einzigen, nie endenden Ekstase von Körper und Seele.
Alle suchen fieberhaft nach der ultimativen Erfüllung, Befüllung, Ausfüllung, Überfüllung oder einfach nur Füllung. Oft ein wenig orientierungslos tapsen wir durch die unendlichen Weiten der Leere.
Aber wie heisst es doch so treffend: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Oder war es eher: Auch blinder Zorn findet mal ein Huhn?

Wie auch immer … wir lassen jedenfalls nichts unversucht, um das Meiste in möglichst kurzer Zeit aus unserem Leben herauszuholen. Koste es, was es wolle. Der moderne Homo Erectus kann immer, will immer, muss immer. Wir sind wahrlich eine Stehaufgesellschaft.
Und wenn wir uns schon den schnöden Alltag mit immer massiverem Leistungsdruck versüssen müssen, dann doch bitte gleich in allen Lebenslagen, topfit und in bester körperlicher Verfassung.
Die Pharmaindustrie hat das längst erkannt und produziert Unmengen von vermeintlich übergesund machenden Schadstoff-Präparaten, die uns möglichst lange und möglichst allumfassend krank am Leben erhalten. Patienten, die zu schnell dahinsiechen, sind für die Wirtschaft nicht sonderlich interessant, schliesslich müssen die horrenden Forschungskosten nachhaltig amortisiert werden.
Wie haben wir bloss all die Jahrhunderte ohne pharmazeutisches Doping überlebt?
Ist der Mensch schliesslich in den Medikamentenkreislauf eingeschleust, gibt es kein Entrinnen mehr. Medikamente verursachen Nebenwirkungen, die dann wiederum mit Medikamenten behandelt werden. So einfach ist das. Eine genial simple Idee.
Schlucken, wohlfühlen, austoben. Bezahlt wird später, wenn nötig mit dem Leben.
Möchte man aktuellen Statistiken Glauben schenken, greifen Frauen doppelt so häufig zu Medikamenten wie Männer. Die Medizin hat das Problem erkannt und bietet immer öfters männerexklusive Heilmittel an. Auch hier können noch neue Märkte erschlossen werden.
Selbst für die grösste Urangst der starken Kerle, den Verlust der Manneskraft, gibt es seit ein paar Jahren ein Tablettchen, das Erschlaffungsbedrohten wieder zu verblüffenden Blutstauungen verhilft. Blut an der richtigen Stelle gestaut, kann durchaus zu glücklichen Momenten führen.
Leider stauen die meisten Menschen ihr Blut an den falschen Stellen, vorzugsweise im Hirn. Das führt dann ebenfalls zu meist ungewollten Nebenwirkungen. Es ist nicht einfach ein Mensch zu sein.
Selbst beim Wundermittelchen Viagra bleibt man von lästigen, den Sexualakt unnötig verzögernden Nebenwirkungen nicht verschont. Im schlimmsten Fall kann es zu Erblindung führen. Manch einer wünscht sich das vielleicht still und leise beim allabendlichen Anblick des aktuellen Matratzenabschnittsgefährten.
Auch als Nebenwirkung eingestuft wird, zumindest laut Arzneimittelbehörde, eine Erektion, die länger als vier Stunden anhält. Schade eigentlich. Für viele bleibt es ein unerreichbarer Wunschtraum, wenn man bedenkt, dass die meisten Männer während ihres ganzen Lebens mit allen Erektionen zusammengerechnet nie auf vier Stunden kommen. Oder waren das alle Orgasmen eines Lebens zusammenaddiert? Man verliert so schnell den Überblick in Statistiken.
Andere Nebenwirkungen von Viagra sind schwerer überhaupt als solche zu erkennen: Gesichtsrötung, abnorme visuelle Wahrnehmungen, Schwindelgefühle, verstopfte Nase.
Sind das nicht ganz alltägliche Erscheinungen beim Sexualverkehr? Beim hektischen Auf und Ab kann es schon mal zu einer Gesichtsrötung kommen. Abnorme visuelle Wahrnehmungen haben rund 83,5% aller heterosexuellen Männer während den Gymnastikübungen mit silikonaufgeblähten Busenträgerinnen. Schwindelgefühle kommen meistens ganz am Schluss des Aktes. Und eine verstopfte Nase … nun, äh, das war wohl ein Druckfehler in der Bedienungsanleitung von «Anita».
Der Mensch ist ein sonderbares Wesen.
Am einen Ende des Körpers werden die Muskeln mit Botox gelähmt, während man am anderen Ende versucht, die erschlafften Glieder mit Viagra wieder zu beleben. Wie paradox ist das denn? Wie soll unser Körper bei der stetigen Giftzufuhr überhaupt noch wissen, wohin er die Wirkstoffe senden soll? Am besten sofort in den Urin. Oder wie mein ehemaliger Arzt bei gewissen Präparaten zu sagen pflegte: «Diese Medikamente können sie geradewegs ins Klo werfen, die Wirkung ist die gleiche!»

