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Talfahrt

Blog vom 3. Februar 2007.

Nun geht’s bergab.

Die Ferien in den Bergen sind vorbei. Adieu, es war schön. Ich fahre zurück ins Tal, ins Flachland, in die Niederungen.

Seit zehn Jahren habe ich diese Strecke nicht mehr mit dem Zug zurückgelegt. Schon auf dem Weg nach Klosters beschleicht mich ein seltsames Gefühl. Damals während meiner Ausbildung fuhr ich täglich mit der Bahn, rauf und wieder runter. Ich kenne die Route in- und auswendig. Ich war zu jener Zeit ein Teenager auf der Suche nach der perfekten Haarfarbe.

Heute verhüllen dicke Nebelschwaden die Landschaft. Man sieht nicht viel. Ich muss nicht viel sehen. Ich habe meine Erinnerungen.

Mein iPod spielt Musik aus den Siebziger Jahren. Wie passend.

“Can you hear the drums Fernando? I remember long ago another starry night like this.”

Fernando ist nicht hier. Und ich eigentlich auch nicht.

Ich fühle mich plötzlich wieder wie ein kleiner Junge. Alles kommt mir so bekannt vor, und doch hat es sich verändert. Häuser wurden renoviert, Satellitenschüsseln entstellen jetzt die Fassaden. Seltsam. Ich sehe mich auf den Strassen herumrennen. Meine ersten Versuche mit einem Fahrrad, die so kläglich scheiterten.

Es fühlt sich eng an. Warum fährt die Bahn so langsam? Und Verspätung haben wir auch. Hoffentlich erreiche ich rechtzeitig den Anschlusszug nach Zürich. Die Anonymität der Stadt erscheint mir nun so willkommen.

Meine Heimat. Ein kleines Dorf auf der Schattenseite des Tals. Hier wurde ich gezeugt und geboren. Hier haben sich meine Vorfahren fortgepflanzt, im Heu oder wo auch immer.

Hier habe ich Indianer gespielt und wurde wenig später an einen Baum gefesselt. Das waren nicht die einzigen Fesseln in meiner Jugend.

Unzählige Stunden habe ich im Freibad verbracht. Schwimmen habe ich erst spät gelernt. Ich mochte meine Schwimmflossen aus Gummi und konnte mich nur schwer davon lösen. Entstehen durch Chlor eigentlich Langzeitschäden?

Ich fahre durch mein Heimatland. Es geht bergab. Topographisch und gedanklich. Die Erinnerungen an meine Vergangenheit beklemmen.

Bald habe ich das Ende des Tals erreicht. Nach dem Tunnel durch die Schlucht ist alles überstanden. Dort beginnt die grosse, weite Welt. Einst habe ich mich aufgemacht, diese zu erobern.

Erobert habe ich schlussendlich mich selbst. Und gefunden auch. Und plötzlich ging es bergauf.





2006–2008 © by Koni Barry