Blind Date
Nach einem “verheerenden” Blind Date im Januar 2000 musste ich meine angestaute Frustration in einem Text abreagieren. Es hat funktioniert.
Das Blind Date war nicht ganz so schrecklich wie hier beschrieben, ich habe die Ereignisse des Abends sicherlich etwas überzeichnet. Man möge es mir verzeihen. Allerdings habe ich Rainer nach diesem Abend nie mehr gesehen. Wen wundert’s ...
Kontaktanzeigen im Internet. Wie praktisch und modern. Diskret, direkt, digital. Kein Papierkrieg, minimaler administrativer Aufwand. Man kann in aller Ruhe zu Hause seine Wünsche und Hoffnungen für die Online-Partnersuche formulieren und muss dafür nicht einmal das kuschelige skandinavische Designersofa “Spörmåfrikken” verlassen.
Jedoch ist Vorsicht geboten. Der rein virtuelle Auswahlprozess ist durchaus etwas heimtückisch. Nicht alle Inserenten sind der deutschen Sprache wirklich mächtig, und die kümmerlichen Reste der mangelhaften Rechtschreibekenntnisse werden schliesslich auf der Tastatur durch schludriges oder gar mangelndes Zehnfingersystem noch gänzlich verstümmelt. Dies erklärt dann wohl auch die Flut von Kontaktanzeigen mit sprachlichen und stilistischen Feinheiten, die jeden Linguisten in den sicheren Suizid durch Duden-Verbrennung treiben müssen.
Man sollte also erst gar nicht der Hoffnung erliegen, über Kontaktanzeigen im Internet den Mann des Lebens kennenlernen zu können. Warum habe ich es dann also trotzdem versucht?
Ich war verzweifelt!
So kam ich mit Rainer in Kontakt. In den ersten Tagen der Online-Annäherung verpackten wir unsere Gedanken in mehr oder weniger einfallsreiche E-Mails, und ich war durchaus erfreut, dass wir den gleichen Humor zu teilen schienen. Was sollte da dem gemeinsamen, ewigen Glück noch im Wege stehen?
Allerdings weigerte sich Rainer beharrlich, mir ein Foto von sich zu senden. Das hätte mich etwas nachdenklich stimmen sollen. Ich wollte aber herausfinden, wer hinter diesen Zeilen steckte und schlug vor, gemeinsam eine Mahlzeit einzunehmen, vorzugsweise am Abend. Rainer akzeptierte meinen Vorschlag, und wir verabredeten uns zum Essen. Mein erstes Blind Date seit vielen Jahren. Halleluja!
Ich verliess meine Wohnung mit hormongeschwängerter Hoffnung und war vollkommen überzeugt, dass mir ein wundervoller Abend bevorstand. Ich trug die richtige Unterwäsche, und der Besuch beim Frisör am Tag zuvor hatte die zarten Züge meines Gesichts wieder freigelegt.
Während ich am vereinbarten Treffpunkt auf Rainer wartete, zogen dicke Nebelschwaden durch die Strassen, welche mein Sichtfeld doch erheblich einschränkten, aber andererseits meine Haut befeuchteten, welche die feinen, mikroskopisch kleinen Regentröpfchen dankbar aufsaugte. Ich fühlte mich jünger denn je!
Ich liess meinen Träumen freien Lauf. Wie sah Rainer wohl aus? So ein bisschen George Clooney wäre ja ganz nach meinem Gusto. Ich war in froher Erwartung. Alles war möglich an diesem Abend. Wenn wir uns sympathisch fanden, würde ich sehr wahrscheinlich am nächsten Morgen, immer noch im Taumel einer alle Sinne erschöpfenden Liebesnacht, eine dreieinhalbstündige Oper komponieren.
Durch die Nebelschwaden glaubte ich nun eine Gestalt mit schwarzer Lederjacke zu erkennen. Das musste wohl Rainer sein. Er kam näher, sein Gesicht erhielt plötzlich Konturen. Er begrüsste mich. Es war Rainer! Ich schloss die Augen und wünschte mich an jeden anderen Ort der Welt, egal ob dort gerade Krieg herrschte oder ein Konzert der Rolling Stones das Land in Schutt und Asche legte. Irgendwo wollte ich sein, nur nicht hier. Wie konnte ich flüchten? Mehrere Möglichkeiten schossen mir durch den Kopf.
In der Kürze der Zeit war es mir ganz und gar unmöglich ein tödliches Virus auszusetzen, das die halbe Stadt dahinraffen konnte. Andere Konzepte zur raschen Flucht schienen ebenso wenig durchführbar. Ein hastig ersonnener Notfall-Plan beinhaltete drei explodierende Christbäume, mehrere Liter Nagellack, fünf Wagenladungen Zuckerwatte, die Sterilisation der gesamten englischen Königsfamilie sowie einen verheerenden Meteoritenhagel, der die Zerstörung mehrerer historischer Bauten zur Folge gehabt hätte.
Konnte ich die Menschheit solchen Plagen aussetzen, nur weil ich kurz davor war, einen Abend lang einem tendenziell eher unattraktiven Mann gegenübersitzen zu müssen? Gewiss, die Geschichte lehrt uns, dass Menschen schon aus weit weniger gewichtigen Gründen Kriege angezettelt und ganze Völker ins Elend getrieben haben. Ich wäre also in guter Gesellschaft. Wollte ich so meinen Einzug in die Geschichtsbücher feiern?
Nun ich wollte kein Unmensch sein und mich von rein äusserlichen Faktoren beeinflussen lassen. Ich musste Rainer zumindest eine Chance geben.
Er lächelte mich an. Lange. Viel zu lange. Ich zog meinen Wollschal noch etwas höher und faselte unzusammenhängende Worte wie Aspirin, Erkältung, Vitamin C, ansteckend, kalt, brrr, grummel, grummel, hust, hust. Ich machte mir in der Tat Sorgen um meine Gesundheit, und ich hegte bereits fiebrige Befürchtungen, mein dramatisches Zähneklappern könnte mir meinen Zahnschmelz ruinieren.
Die fünf Minuten Wegstrecke bis zum Restaurant fühlten sich an wie zwei Eiszeiten. Ich reinkarnierte mehrmals. So musste sich also Maria Stuart gefühlt haben. Der Weg zum Schafott hatte durchaus etwas Prickelndes.
Schliesslich erreichten wir das kleine, schnuckelige Restaurant, mussten jedoch eine Weile auf einen freien Tisch warten, was uns die Gelegenheit gab, schweigend im Eingangsbereich herumzustehen und uns die Zeit mit dezentem Husten zu vertreiben. Dies wurde mir aber schnell einmal zu langweilig, da Rainer sich meinem ausgeklügelten Hustenrhythmus partout nicht anschliessen wollte.
Auch das Zählen meiner Kreditkarten brachte nicht die gewünschte Ablenkung. Ich wühlte erfolglos und verzweifelt in allen meinen Hosen- und Jackentaschen, um genau dieses eine Etwas nicht zu finden, das ich ja eigentlich auch gar nicht suchte. Das klingt nicht nur sehr kompliziert, das ist auch sehr kompliziert.
Endlich ... ein Tisch wurde frei. Ich steuerte zielgerichtet darauf zu, als plötzlich aus der Tiefe des Raumes ein Kreischen hörbar wurde. Sollte dieses Kreischen etwa meiner Person gelten? Es galt.
Da zwängte sich durch die vielen engen Tische eine Gestalt, die nach einiger Zeit die Form einer Frau annahm, deren Gesicht ich schliesslich erkannte und die ganze Erscheinung als “Susi” identifizieren konnte. Susi war eine etwas penetrante Lesbe, mit der ich vor vielen Jahren eine Zeit lang zusammengearbeitet hatte. Ihre Begeisterung für meine Person kannte damals keine Grenzen. Sie krönte mich sogar zu ihrem “Lieblingshomo” und verwüstete eine Zeit lang mein Leben. Der Geist jener Zeit knallte mir nun wieder unvermittelt ins Gesicht.
Susi stürmte auf uns zu. Ich bewies einmal mehr äusserst viel Feingefühl für komplexe und delikate Begrüssungskonstellationen und versprühte eine überschwengliche Freude, als gälte es, meine seit Jahren im Pazifik verschollene, leprakranke Cousine Konstanze wieder in den Kreis der Familie aufzunehmen. Während des ganzen Vorgangs war auf meinen Lippen eine leichte Schaumbildung zu beobachten.
Susi wollte natürlich sofort wissen, wer denn der nette Mann an meiner Seite sei, worauf ich mich suchend umblickte. Ich hielt es nicht für notwendig, Susi über die wahren Umstände meines Erscheinens in diesem Lokal aufzuklären. Mit ein wenig Diplomatie und dem Wagemut eines Dompteurs gelang es mir schliesslich, Susi an ihren eigenen Tisch zurückzudrängen.
Rainer und ich nahmen Platz, und ich stürzte mich gleich auf die Speisekarte, welche ich aussergewöhnlich lange studierte. Ich konnte mich auch gar nicht entscheiden, was ich denn nun zu mir nehmen wollte. Leider gab es keine Speisen, die mich unsichtbar machen konnten oder gar Zeitreisen ermöglichten.
Während der Bestellung hatte ich intensiven Augenkontakt mit der charmanten Kellnerin, sie schien meine flehenden Blicke jedoch nicht zu verstehen. Dabei versuchte ich ihr nur klarzumachen, sie möge doch die Güte haben, das Bild an der Wand etwas aus der Halterung zu lösen, damit es im geeigneten Moment herunterfallen und grösstmögliche Zerstörung und Chaos anrichten konnte.
Der Verlust des Gemäldes hätte dem kulturellen Erbe der Menschheit wahrlich keinen grossen Schaden zugefügt. Es handelte sich wohl um einen zeitgenössischen Maler. Es bestand also durchaus die Hoffnung, dass der Schöpfer dieses Werkes noch lebte und im Falle einer mutwilligen Zerstörung das Gemälde nochmals anfertigen oder aber, was ich mir durchaus mehr wünschte, ein anderes Motiv auf die Leinwand bringen konnte. Als Szenerie war ein einsames Bauernhaus in einer unwirklich, idyllischen Landschaft zu erkennen, umrahmt von ein paar kuhähnlichen Tieren. Es war ursprünglich wohl als Verpackungsdesign für einen Frischkäse konzipiert worden.
Ich sah mich im Lokal um und betrachtete meine nähere Umgebung. Noch nie hatte ich an einer schöneren Tischplatte gesessen. Ich prüfte die Beschaffenheit der Oberfläche äusserst genau und rätselte über die Herkunft des Holzes sowie auch die exquisite Handwerkstechnik, die eine solche Tischplatte überhaupt erst möglich machten.
Aufgrund der zahlreichen Einkerbungen an der Tischkante versuchte ich mir vorzustellen, wie viele junge Männer schon an diesem Tisch ihre Fingernägel ruiniert hatten, nur um ihre aufgestaute sexuelle Energie loszuwerden, weil die junge Frau gegenüber keine Anstalten machte, sich in absehbarer Zeit der Hurerei hinzugeben.
Und plötzlich wurde ich wieder in die Wirklichkeit gerissen! Rainer hatte mir eine Frage gestellt! Ich hatte nicht zugehört. Ich starrte ihn an und spürte, wie sich eine meiner Wimpern zu lösen begann und langsam zu Boden schwebte. Nie hatte ich mich einsamer gefühlt. Selbst meine Wimpern verliessen mich schon.
Was nun? Oh mein Gott! Musste ich jetzt mit ihm sprechen?
Nun war der Zeitpunkt gekommen, Rainer ein wenig genauer zu betrachten. Ich hoffte, vielleicht doch noch etwas an ihm zu entdecken, das man im weitesten Sinne als erotisch bezeichnen konnte. Mein Herz versuchte verzweifelt ein paar Tropfen Blut in meinen Penis zu pumpen, leider ohne Erfolg. Kurz vor dem Herzstillstand wurde meine Atmung wieder regelmässiger.
Nein, beim besten Willen, ich konnte einfach nichts an Rainer entdecken, was mir sonderlich gefiel. Er sah ein bisschen aus wie Klaus Kinski nach einer misslungenen Botox-Injektion und einem äusserst gravierenden Hormonproblem. Aber ich wollte mir zumindest einmal anhören, was Rainer so zu sagen hatte.
Rainer bat mich, doch ein wenig von mir zu erzählen. Einfach so. Toll. Wie spannend. Wo sollte ich anfangen?
Ich begann etwas zögernd. Nun – ich wurde 1973 eingeschult, das war also nach der schrecklichen Geiselnahme während den olympischen Sommerspielen in München, jedoch noch vor der Ermordung Gandhis, folglich genau in dem Jahr, als Ingmar Bergman seine “Szenen einer Ehe” verfilmte – und – äh – ich war ein Kind aus einer einfachen Schweizer Arbeiterfamilie und – äh – ja – verbrachte meine Jugendjahre am Nordkamm eines erdgeschichtlich relativ jungen Faltengebirges –
Dem Himmel sei Dank, das Essen traf ein! Ich erfreute mich an meinem Gemüseteller mit gerösteten Auberginen und anderen gentechnisch optimierten Leckereien aus dem reichhaltigen Angebot europäischer Forschungslaboratorien, während Rainer eine Jahresration Parmaschinken verzehrte. Wie er mir bereits per E-Mail mitgeteilt hatte, war er kein Kostverächter, was auch kaum zu übersehen war. Aber ich wollte mich ja nun wirklich nicht mit äusserlichen Merkmalen aufhalten.
Das Essen bot zumindest einen gewissen Gesprächsstoff, und ich konnte meine vegetarische Lebensweise ins Feld führen, um die Konversation etwas in Schwung zu bringen. Worauf Rainer mir dann gleich mit wässrigen Augen erzählte, er habe letztes Jahr zusammen mit seinem Vermieter ein Bio-Schwein gekauft, welches sogar bei ihnen zu Hause geschlachtet und in gefrierbeutelgrosse Bestandteile zerlegt worden sei. Es folgte eine detaillierte Abhandlung über die spektakulären Vorgänge beim Pökeln und Räuchern von Fleisch, sowie die Raffinessen erfolgreicher Wurstherstellung. In der Zwischenzeit hätte ich durchaus auch schon für einen Fleischwolf Verwendung finden können.
Rainer war nun in seinem Element, und seinen ausschweifenden Ausführungen folgend durfte ich schliesslich erfahren, dass frische, rohe Leber sowieso das beste Fleisch überhaupt sei. Die Innereien schienen es ihm wirklich angetan zu haben. Meine Überraschung war jedoch gross, als er meine Frage, ob er denn schon einmal Hirn gegessen hätte, verneinte. Rainer erklärte mir weltmännisch, man hätte ihm während einer Geschäftsreise in China einmal Hirn angeboten, aber da hätte selbst er ablehnen müssen, aber Kutteln fände er ganz toll. Ich konnte mir glücklicherweise einen Kommentar über sein Hirn verkneifen, aber meiner Ansicht nach hätte Rainer damals in China zugreifen sollen.
Spätestens als Rainer das Thema “Blutwurst” abhandelte, fing ich an, die gerösteten Auberginen auf meinem Teller hin und her zu schieben und in einem lustigen Muster anzuordnen. Hätte ich eine Steinschleuder bei mir gehabt, hätte ich die Auberginen freilich auch an die gegenüberliegende Wand schiessen können.
Rainer indessen weihte mich in die Geheimnisse seines Berufes ein: Stahlgrosshandel. Warum hatte ich nicht das Glück, einen Goldschmied kennenzulernen?
Mit dem Gemüse auf meinem Teller hatte ich in der Zwischenzeit die Umrisse Europas nachgebildet, wenn auch in einer etwas freizügigen Auslegung der staatlichen Grenzen. Es fehlte mir eine Karotte für Portugal, und ein Stück Brokkoli musste ich etwas unsanft zerquetschen, damit es sich in die Form Italiens pressen liess. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass ich währenddessen noch den Eindruck vermitteln musste, ich würde dem Gespräch meines Tischnachbars aufmerksam folgen und mit grossem Interesse seinen Schilderungen lauschen. Zudem musste ich ja ab und zu auch noch ein zustimmendes Nicken einfügen, und dies im rhythmischen Wechsel zwischen dezent mitleiderregendem Augenaufschlag und punktuell eingesetztem Stirnrunzeln. Aufgrund meiner Ausbildung als Schauspieler lag dies jedoch durchaus im Bereich meiner mimischen Fähigkeiten.
Einen gelegentlich auftretenden Impuls zum Gähnen verwandelte ich geschickt in einen Ausdruck grosser Verwunderung, akustisch untermalt mit dezenten “Ahs” und “Ohs”, wobei ich stets bemüht war, eine ausgewogene und abwechslungsreiche Palette von Klangfarben anzustimmen.
Mein Gehirn sandte unaufhörlich verzweifelte Signale an meine Gesichtsmuskulatur und versuchte ein Lächeln zu erzwingen. Meine Lachmuskeln hatten sich jedoch für diesen Abend vom Grossrechner abgekoppelt und verharrten im Stand-By-Modus. Zumindest konnte ich noch sprechen.
Für kurze Zeit zog ich in Erwägung, mich der netten Dame am Nebentisch an den Hals zu werfen, um anschliessend von ihrem erbosten Gatten erdrosselt zu werden.
Rainer hatte sich inzwischen der Kultur zugewandt. Vielleicht versuchte er mich zu beeindrucken, weil ich ihm erzählt hatte, dass ich Schauspieler war. Allerdings hatte er mir bereits per E-Mail gestanden, dass er in Sachen Kultur nicht so bewandert sei. Er konnte sich dann aber doch daran erinnern, dass er irgendwann einmal eine Aufführung von Schillers “Die Räuber” gesehen und damals völlig ergriffen im Publikum gesessen hatte. “Damals” war vor etwa 12 Jahren gewesen, deshalb konnte er sich auch nicht mehr so genau an die Inszenierung erinnern. Ich war darüber gar nicht unglücklich, ich hatte schon Panik, er würde mir die Aufführung in allen Einzelheiten schildern, und ich war völlig überzeugt, dass in seiner Aufführung früher oder später eine rohe Leber oder eine Blutwurst eine tragende Rolle übernehmen würde.
Der Abend schleppte sich dem Tode entgegen, ich schüttete den vorzüglichen Wein lieblos meine Kehle hinunter, während aus weiter Ferne jemand auf mich einredete. Gedanken über die Vergänglichkeit des irdischen Daseins übermannten mich. Wenn dieses Treffen mit Rainer nicht bald zu Ende ging, würde meine Epidermis in wenigen Minuten anfangen, Altersflecken zu produzieren. Das Bild hing immer noch an der Wand, der Nagel hielt, und sehr wahrscheinlich war es auch gar kein Nagel sondern eine Schraube.
Ich brauchte dringend frische Luft, und wir beschlossen, aufzubrechen. Dieser Tag hauchte sein Leben aus, und ich wollte nach Hause, es war Zeit fürs Bett, was ich Rainer auch gleich mitteilte. Diese Ankündigung verstand er natürlich falsch.
Wir liefen stumm zum Parkplatz. Die Stadt war kalt und leer. Bitterkeit machte sich breit. Die Einöde schien mir unendlich. Trotz der von Rainer so grosszügig offerierten Zündschnur würde ich für ihn kein Feuerwerk mehr abbrennen. Nicht heute, nicht morgen, niemals! Ich wollte die Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen. Rainer schien jedoch irgendwie an mir Gefallen zu finden, und ich fragte mich schon, ob ich irgendwelche Ähnlichkeiten mit einer Blutwurst hatte.
Es wurde ein ganz und gar trockener Abschied. Nicht einmal für einen Abschiedskuss reichte mein Erbarmen. Rainer ertrug mein Verdikt mit der Selbstbeherrschung eines Hobby-Metzgers. Ich war sehr froh darüber, ich hätte auch gar kein Riechsalz bei mir gehabt. Rainer verschwand im Nebel, so wie er aufgetaucht war und hinterliess dieses gewisse “Nichts”.
Zu Hause wälzte ich mich noch lange im Bett. Wirre Gedanken liessen mich nicht einschlafen. Ich fühlte mich blutleer. Es wurde mir schmerzlich bewusst, wie wenig ich mich eigentlich in den vergangenen Jahren für die Herstellung von Fleischwaren und die Wurstproduktion im Besonderen interessiert hatte.
Und ich stellte mir die berechtigte Frage:
Gibt es ein Leben ohne Wurst?


2006–2008 © by Koni Barry